Freie Seminare

Presencing als soziale Technik

Auf der Basis dieses Modells „Presencing als soziale Technik“ veranstalten wir „In-Haus-Seminare“ auf Anfrage in Institutionen oder an anderen Orten. Dieser Ansatz hat sich sehr bewährt und kommt mittlerweile Welt-weit in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen (Institutionen, Unternehmungen, Regierungsabteilungen, Wirtschaftsbereichen etc.) zur Anwendung. Die Gestaltung  sozialer Prozesse, Führungsfragen, Veränderungs- und/oder Erneuerungsprozesse in den verschiedensten sozialen Feldern sind heute zentrale Aufgaben geworden, bedingt durch die Veränderung sozialer Rahmenbedingungen, aber auch durch die Veränderungen, die aus der individuellen Entwicklung des einzelnen Menschen resultieren.

Im Folgenden erscheint eine grundlegende Skizze zur Theorie U, die dem gleichnamigen Buch von Otto Scharmer entnommen ist. Im sich anschliessenden Text werden Zusammenhänge erläutert. In den Seminaren wird mit verschiedenen Prozessen und Übungen  gearbeitet, die diese Theorie zur Grundlage haben.

 

Theorie U –  Von der Zukunft her führen

Mit dem Erscheinen des Buches „Theorie U“ von Otto Scharmer wurde so etwas wie ein neues Kapitel geschrieben. Denn – so Otto Scharmer – die Theorie U hat zum Ziel:
„1. Das Bewusstsein für diese tiefere Ebene von Veränderungs- und Führungsarbeit in allen Bereichen von gesellschaftlicher Entwicklung zu schaffen, 

2. Eine Sprache zu entwickeln, die es Praktikern und Forschern in Veränderungsprozessen erlaubt, sich über diese tieferen Ebenen ihrer Erfahrung auszutauschen und 3. Eine soziale Technik zu entwickeln, die es Akteuren in Veränderungsprozessen erlaubt, effektiver und schöpferischer mit den kollektiven Führungsherausforderungen unserer Zeit umzugehen.“ (Otto Scharmer, 2009, Vorwort)


Otto Scharmer erlebte in Cambridge, Massachusetts, eine Weiterentwicklung des mitteleuropäischen Denkmilieus, als er in den intellektuellen Strom der Aktionsforschung am MIT (Massachusetts Institute of Technology) eintauchte. Es ist eine Art von Wissenschaftlichkeit, die fundamentale Innovations- und Erneuerungsprozesse ermöglicht, so dass Theoretiker und Praktiker gemeinsam soziale, mentale und Bewusstseinsbedingungen herbeiführen können, um ein gemeinsames Gestalten von der Zukunft her möglich zu machen.    

Die Technik, um das Neue ins Bewusstsein zu holen, nennt Otto Scharmer „Presencing“. Eine neue Wortprägung, bei der zwei aus dem Englischen stammende Worte „spüren“/ „hervorlocken“ und „Vergegenwärtigung“ verschmelzen. Hiermit wird ein Weg beschrieben, wie das Neue, der Raum für die Intuition,  das noch nicht Geborene, das noch nicht Manifestierte sich im Bewusstsein offenbaren kann. Dafür muss das Schon-Gewusste, das als Erfahrung Vorhandene, das in der Vergangenheit schon Erworbene allmählich abgestreift werden. Die Zukunft erscheint immer im Jetzt. Dazu geht der Aktionsforscher Otto Scharmer den Weg, der zur Konfrontation mit der Leere führt, der zu einem Lauschen in die Stille aufruft.  Auf diese Weise kann das Neue in die Gegenwärtigkeit kommen,  im Bewusstsein des Menschen erscheinen.
 

Der Ökonom W. Brian Arthur vermerkt, dass „alle grossen Entdeckungen aus einem inneren Weg hervorgehen.“ Dazu müssen wir die Fähigkeit des schöpferischen Tätigwerdens gemeinsam neu erlernen. Nur so können wir im Umgang mit den vielfältigen Krisen, Problemen und Aufgaben unserer Zeit zu befreienden, erfüllenden Lösungen kommen.  
Diese soziale Technik durchläuft einen Entwicklungsprozess von der Loslösung des Alten zur schrittweisen Verwirklichung des Neuen und wird durch die Prozess-Stufen der U-Form verdeutlicht.  „Extrem wichtig“ so Otto Scharmer, „dass wir erst im konkreten Handeln das Neue wirklich verstehen.“
Die Prozess-Stufen charakterisieren unterschiedliche Bewusstseinsbewegungen. Notwendige Voraussetzung dazu sind ein „offener Geist“, d.h. die Fähigkeit alte Denkmuster bzw. Gewohnheiten abzustreifen; weiter ein „offenes Herz“, d.h. die Fähigkeit der Empathie, eine Situation aus der Sicht eines anderen Menschen betrachten zu können. Und der „offene Wille“ enthält die Bereitschaft, alte, eingeübte, „bewährte“ Verhaltensmuster auflösen zu wollen und neue Verhaltensweisen anzunehmen, sich anzueignen. Diese drei Öffnungen – des Denkens, des Fühlens, des Wollens gehören zusammen und bilden ein Ganzes. Otto Scharmer kommentiert den ganzen Prozess   kurz mit der Formel: „Loslassen und Kommenlassen“. Damit sind  die absteigenden und aufsteigende Prozesse in der U-Form gemeint.
Diese Prozesscharakterisierung macht überhaupt nur Sinn, wenn man von zwei grundlegenden Wesensarten des Menschen ausgeht, dass jeder Mensch sich erfahren kann im sog. Alltagsbewusstsein (Alltags-Ich) aber ebenso die Möglichkeit hat, aus der Bewusstseinsverfassung seines Höheren Ich oder Selbst handeln zu können.
Das Alltags-Ich ist Vergangenheits-bezogen, das Höhere Ich ist Zukunfts-bezogen. Der soziale Organismus ist ebenfalls nicht EINER, sondern ZWEI. Er umfasst die Vergangenheit, das Gewordene und die höchste Zukunftsmöglichkeit, d.h. was der soziale Organismus werden kann.  Kernpunkt des Presencing: 
Das Gewordene mit dem Werdenden in einen Dialog zu bringen, ein Zwiegespräch von Gewordenem und Werdendem, um die höchste Zukunftsmöglichkeit des sozialen Organismus zu schaffen. 
Bei diesem kreativen Prozess begegnet der Mensch drei „Feinden“, die er zu überwinden hat. Hiermit wird an die innere Arbeit einer Führungskraft appeliert.
Der erste Feind blockiert den Zugang zur „Öffnung des Denkens“.Michael Ray nennt das die „Stimme des Urteilens“ (SdU), wodurch die Kreativität zurückgehalten wird, nicht zur Entfaltung kommt.
Der zweite Feind blockiert die „Öffnung des Herzens“ . Das ist die „Stimme des Zynismus“ (SdZ), d.h. auf Distanz gehen, emotionale Verletzungen vermeiden etc.
Der dritte Feind blockiert die „Öffnung des Willens“. Das ist die „Stimme der Angst“ (SdA). Der Kern ist das Loslassen. Was wir haben und was wir sind, gibt uns Sicherheit, die wir oftmals nur schwer aufgeben wollen. Manchmal befürchten wir auch ausgelacht zu werden. 
Das Loslassen des Alten, des Gewordenen hat grosse Ähnlichkeit mit den Grundgeschehen des Abschiednehmens, des Sterbens. 
„Leadership“ zu deutsch „Leitung“ kommt von „leith“ d.h. nach vorne gehen, über die Schwelle gehen, sterben. 
Wir können bemerken, wie Entwicklung immer auch mit innerer Veränderung zusammen hängt, die uns oftmals ausgesprochen schwer fällt. Die Hindernisse, Widerstände liegen in uns. Ein sozialer Organismus kann sich nicht verändern, wenn die beteiligten, verantwortlichen Menschen nicht mitgehen. Orte und Werkstätten der Zukunft geschehen dort, wo Menschen sich mit den Quellen der eigenen Kraft, ihrer Kreativität verbinden und authentische Anwesenheit sich bildet. Es geht immer um die Evolution von Mensch und Gesellschaft. Das bedeutet Ringen, entdeckendes Tun, Lernprozesse in Gang setzen. Das sind die „Landebahnen“ für Neues, für Sinn-orientiertes Handeln. 
Auslöser sind vielfach   wesentliche Fragen des aufwachenden Menschen: „Wer bin ich?“ und „Was habe ich auf dieser Erde zu tun? Weshalb bin ich hier?  Was soll das Ganze? Was ist mein Ding?“
Dem Menschen wird beim Verfolgen dieser Fragen bald aufgehen, dass sein Leben mit dem anderer verflochten ist, und dass die Bewältigung der Aufgaben, denen er begegnet, nicht das Werk eines Solisten sein können. Insofern ist Gemeinschaftsfähigkeit etwas, was mit diesem Ansatz eng verbunden ist.
 

Wir kennen mittlerweile 3 Quotienten:
Den Intelligenz-, den Emotionalen- und den Spirituellen Quotienten. Diese dreifache Befähigung hilft dem Menschen, die im Entstehen begriffene Zukunft, das Lernen aus der Zukunft zu fassen.
Das Lernen aus der Zukunft, das Ahnen einer menschlicheren Zukunft fordern Engagement, systemische Aktionsforschung und Achtsamkeit.
Dann wandeln sich Sonderinteressen in Interessen des Allgemeinwohls, Sinn-orientiertes Denken führt vom Ego-Bewusstsein zum Öko-Bewusstsein. Otto Scharmer verwendet hier gerne das Bild aus der Computertechnik. Den Übergang von einer veralteten Version zu einer neuen bezeichnen wir als „update“; d.h. es erfolgen im Betrieb Umstellungen, die aber den Betrieb nicht lahmlegen, sondern ihn allmählich auf einer verbesserten Stufe weiterlaufen lassen.
Dieses Modell der Theorie U basiert wesenhaft auf der Erneuerung von „Innen“. Das ist die zentrale Botschaft, dass das Alltagsbewusstsein den heutigen Herausforderungen in keinster Weise gewachsen ist.
Das belegen schon wenige, charakteristische Daten.
Wir haben einerseits eine florierende globale Wirtschaft und gleichzeitig die Schattenseiten:

  • 850 Mio. Menschen auf der Erde hungern.
  • 3 Milliarden Menschen leben in Armut, d.h. mit weniger als 2$ pro Tag.
  • In den USA wird jeder 7. öffentlich (d.h. durch staatliche oder private Stellen) ernährt.
  • Wenn die Auswirkung der Gesundheitsfürsorge und Gesundheitsvorsorge westlicher Staaten verglichen wird mit Ländern, die erheblich weniger für den Gesundheitssektor ausgeben können, so ist der Unterschied erstaunlich gering.
  • Die Nahrungsmittelproduktion, die Bearbeitung der Böden ist keineswegs nachhaltig.
  • Dreimal soviel Menschen sterben durch Suizid wie Menschen  durch Ursachen wie Krieg, Krankheit, Unfall etc. sterben.
  • Wir verbrauchen in einem Jahr soviel wie die Erde in 1 ½ Jahren reproduzieren kann.
  • Unsere Bildungssysteme vermitteln den jungen Menschen nicht die zentrale Kernkompetenz, ihre eigene Zukunft empfinden und  aktualisieren zu können.
  • In der Schweiz kommen auf 100.000 Haushalte 11 Millionäre mit über 100 Mio. $.

Die Ursache kann darin gesehen werden, dass die Muster der traditionellen und modernen industriellen Denk- und Lebensgewohnheiten versagen, die jahrhundertealten
kollektiven Muster des Denkens, Organisierens und Institutionalisierens neu auszurichten wären.
Otto Scharmer sieht die Wurzel für unsere heutige missliche Lage in dem, was er den „Blinden Fleck“ nennt. Der Mensch wendet nicht seinen Blick auf den Ort, der die Ursache all dieser „Produktionen“ ist. Das ist der Innenraum des menschlichen Bewusstseins, der Ort wo alles entsteht, was der Mensch produziert – seine innere Quelle. Presencing als Methode nimmt dort ihren Ausgangspunkt.
Bill O’Brien, CEO der Hannover Insurance: „Der Erfolg einer Intervention ist abhängig von der Verfasstheit des Intervenierenden.“ (Verfasstheit = der innere Ort, die Quelle)
Mit grosser Dankbarkeit schaut Otto Scharmer auf die Begegnungen mit den verschiedensten Persönlichkeiten, ihren Ideen und Erfahrungen, durch die er entscheidende Anregungen und Hinweise erhielt, wodurch sein Werk, dieses Modell zu schaffen, gelingen konnte.
Die Grundlagen seiner Arbeit basieren auf drei Strömungen:

  • Die Bürgerbewegung in der Tradition von Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Henry David Thoreau
  • Die systemische Aktionsforschung in Anknüpfung an Peter Senge, Ed Schein, Kurt Levin
  • Die Übungen der Achtsamkeit und die Arbeit am eigenen Bewusstsein bzw. die Arbeit an sich selbst kommen aus den grossen Weisheitströmungen wie der Anthroposophie, des Buddhismus etc.

Brian Arthur hatte schon früher drei Kernschritte  des U-Prozesses erarbeitet, die  wie eine Vorbereitung anmuten:
1.    observe, observe, observe
2.    Retreat and reflect: allow the inner knowing to emerge
3.  Act in an instant
Verschiedene weitere Denker und Wissenschaftler waren Ideengeber bzw. Anreger wie Steven Piersanti ( Er fand den Titel „Theorie U“), Bill Isaacs (Dialogue Project), Fritjof Capra (Systemtheory and System-Thinking), Meister Nan Huai-Chin (Sieben meditative Phasen in Führung aus konfuzianistisch-buddhistisch-daoistischer Artikulation), Michael Jung (Global Dialogue Interview Project), Tom Callanan und Peter Teague (haben die Gründungsphase des Presencing-Instituts besonders gefördert), Joseph Jaworsky ( prägte das Sensing  (Hinspüren) begrifflich und praktisch), Peter Senge (Prinzip der Lernenden Organisation), Johan Galtung (Konzept der trilateralen Wissenschaft, Integration von Daten, Theorie, Werten), Arthur Zajonc (Verständnis der goetheanistischen Methode der wissenschaftlichen Arbeit) ua.

Abschliessend kann dieses Modell, was einen Paradigmenwechsel einleitet, noch einmal kurz so charakterisiert werden, dass die Prozesse, die zu Lösungswegen führen,  sich nicht an Vergangenem orientieren, sondern Bedingungen für eine andere Bewusstseinsverfassung erfordern, die es möglich macht, dass die Lösungen, die aus der Zukunft kommen, sich in der Bewusstseinsverfassung des „Jetzt“ offenbaren. Insofern ist der Paradigmenwechsel ein Wandel der Bewusstseinsebene. Probleme, die existieren, können nicht auf der gleichen Bewusstseinsebene zur Lösung gebracht werden, auf der sie entstanden sind. Eine höhere Bewusstseinsebene ist der Ausgangspunkt.   Das ist die Herausforderung dieses Modells – Presencing als soziale Technik – und seine Fruchtbarkeit.

September 2012

Joachim Grebert

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